Der Klosterbeck


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Margit Begiebing


Der Klosterbeck

Der Mönch, der neben einem Kohlebecken stand und sich die Hände rieb, tat so, als habe er das zögerliche Klopfen an der Pforte nicht gehört. Erst als es abermals klopfte schlurfte er missmutig zur Tür des Augustiner-Chorherrenstiftes und öffnete. Vor ihm stand ein Fremder. Der Klosterbruder blitzte ihn fragend an, woraufhin der Mann mit demütig gesenktem Kopf um Einlass bat. Ein Schwall bitterer Winterkälte kam zusammen mit dem Besucher herein, der unwillkürlich dachte, wie schön, wie tröstlich es doch war, aus Frost und Dunkelheit in die Geborgenheit des Klosters treten zu dürfen.
Welche Gründe mögen ihn bewogen haben, als Laienbruder in ein Kloster einzutreten? Wer kann heute noch erahnen, ob nur Armut oder die enttäuschte Liebe zu einer hübschen Jungfer der Grund dafür war?
Fest steht, dass sich Leonhard Hirll aus Hausen bei Greding an einem eisigen Wintertag auf den Weg nach Langenzenn gemacht hatte, um sich dem „Closter zu eygen und zu eim ewigen Knecht“ zu geben. Er legte das Gelöbnis auf den Heiligen Augustinus ab und verpflichtete sich zum Gehorsam.
So schrieb es der Dekan und Chorherr Friedrich von Onolzbach auf dem Profeßzettel „am nehsten Dinstag vor sand Fabian und Sebastian“, also am 17. Februar 1424 nieder. Der Text wurde dreimal laut vorgelesen. Leonhard Hirll hörte aufmerksam zu. Auf ein Zeichen des Propstes hin reichte ihm der Dekan die in rote Tinte getauchte Feder. Da Leonhard Hirll weder lesen noch schreiben konnte, unterzeichnete er, indem er „zu enden dieser zedel mein czaychen, ein preczen, gezeichnet und geschriben“ hat. Damit war aus Leonhard Hirll Frater Anselm geworden, der Klosterbeck. Auf die klösterliche Urkunde hatte er sein Handwerkszeichen gemalt, eine Brezel.

Dass es den Chorherren gefiel, einen guten Bäcker in ihrem Kloster zu haben, lässt sich denken und dass der neue Bruder ein guter Bäcker war, davon berichtet die Geschichte mit Albrecht Achilles, dem Markgrafen von Brandenburg-Ansbach. Den führte die Falkenjagd oft nach Langenzenn und dann ließ er es sich nicht nehmen, im Kloster einzukehren und sich dort bewirten zu lassen. Die Spulln des Klosterbeck hatten es ihm angetan, Brötchen, deren Teig nicht mit Wasser, sondern mit Hopfensud angesetzt wurde. Das gab dem Gebäck den besonderen feinherben Geschmack den der Markgraf liebte. Ihren Namen hatten die Spulln von den Garnspulen der Weber. Die geschickten Hände des Klosterbeck formten sie länglich mit sieben schrägen Einschnitten.
Eines Tages bestellte der Markgraf sein Lieblingsgebäck zusammen mit allen möglichen anderen Naschereien im Langenzenner Kloster. Lachend erzählte er dem Klosterbeck von dem Schabernack, den er vorhatte. Den Nürnbergern wollte er die Pillenreuther Fischweiher vor der Nase abfischen. Großspurig bestellte er beim Klosterbeck die Backwaren für den Fisch-Schmaus. Aber es kam anders. Die Nürnberger bekamen Wind von der Sache und schickten Soldaten zur Bewachung ihrer Weiher. Albrecht Achilles musste unverrichteter Dinge abziehen. Nichts war’s mit frischgebratenen Fischen, darum freute sich der Markgraf doppelt auf das frischgebackene Brot. Doch als er den ersten herzhaften Bissen tat, verdüsterte sich sein Blick: „Bruder Anselm, deine Spulln schmecken heute entsetzlich fad.“
Dem Klosterbeck war das Salz ausgegangen, doch das sagte er nicht. Erst als Albrecht Achilles nicht locker ließ rückte er mit der Sprache heraus. Auf des Markgrafen erboste Frage nach dem „Warum?“ meinte er: „Haben Euch die Nürnberger nicht genug die Suppe versalzen. Reicht das nicht an Salz für einen Tag!“ Daraufhin hat sich der hohe Herr für längere Zeit nicht mehr in Langenzenn sehen lassen.

Als seine Erdentage zu Ende gegangen waren begrub man den Klosterbeck im Kreuzgang des Klosters. Eine in den Sandstein gemeißelte Breze markierte Jahrhunderte lang sein Grab. Geholfen hat das nichts, denn der Klosterbeck findet seit nunmehr fast 600 Jahren keine Ruhe.
Es war zur Zeit der großen Hungersnot, als ein Sack Mehl viel Geld gekostet hat, da befahl der Propst dem Klosterbeck Mehl zu verteilen an die armen Leute, damit die sich Brot backen konnten. Doch der Klosterbeck verteilte das Mehl nicht umsonst, so berichtet die Sage, sondern er verkaufte es teuer. Als der Propst ihn zur Rede stellte leugnete er, sagte, wenn er nur so viel Mehl genommen hätte wie eine Maus in einer einzigen Nacht davontragen kann, dann solle ihn Gottes Strafe in diesem wie in jenem Leben treffen. Und genau so ist es dann auch gekommen. Als Gott seinem ruchlosen Treiben nicht länger zusehen konnte, ließ er einen Mehlsack umfallen, der den Klosterbeck erschlug. Seitdem treibt es ihn um und man sieht ihn um Mitternacht Mehlsäcke auf dem Rücken durch den Kreuzgang schleppen.
In den Wochen vor Weihnachten, dem Fest der Liebe und der Gaben ist es besonders schlimm. Da muss er backen, backen, backen, um die Verfehlungen seines Lebens wieder gut zu machen.
Jedes Jahr am dritten Adventssonntag, wenn der Langenzenner Weihnachtsmarkt stattfindet und der Platz vor der Kirche und dem Kloster nach Glühwein und Erbsensuppe duftet, kann man ihn sehen, den Klosterbeck. Dann geht er in seiner schwarzweißen Ordenskutte mit einem großen Korb über dem Arm zwischen den Besuchern umher und verteilt knusprige Spulln. Freundlich bedankt er sich bei jedem, der eine Gabe aus seiner Hand annimmt und hofft, durch seine späte Mildtätigkeit den Herrgott gnädig zu stimmen und so die ewige Ruhe zu finden.
Aber die wird ihm so schnell nicht vergönnt sein, denn die heutige Zeit erlaubt es einer Legende nicht, sich so mir nichts, dir nichts, aus der Stadtgeschichte zu verabschieden.

Denn was wäre der Langenzenner Weihnachtsmarkt ohne den Klosterbeck?

Margit Begiebing